Jens schildert einen Unfall, dessen Zeuge er wurde.
Jens ist Lehrer, Eintracht-Fan und war an diesem Abend gemeinsam mit seinem Vater auf dem Weg nach Hause. Sie hatten ein Heimspiel der Eintracht besucht, ein Europapokalspiel, das sportlich zwar verloren ging, an der guten Stimmung der Fans jedoch nichts änderte. Nach dem Spiel stiegen sie in eine Straßenbahn in Richtung Hauptbahnhof. Als sie dort ankamen, war es wie so oft nach Spielen: voll, laut, dichtes Gedränge. Nachdem sie ausgestiegen waren, hörte Jens plötzlich hinter sich Schreie. Menschen schlugen mit der flachen Hand gegen die Straßenbahn und riefen laut „Stopp“. Als jemand schrie, man solle schnell helfen, ein Mensch sterbe gerade, wurde klar, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Ein Mensch hatte versucht, über die Kupplung zwischen zwei Straßenbahnwagen zu steigen, um den Weg abzukürzen – genau der Gedanke, den Jens selbst für einen Moment gehabt und sofort wieder verworfen hatte. In diesem Moment fuhr die Bahn an. Der Mann geriet unter das Fahrzeug. Für Jens wirkte die Szene zunächst fast surreal. Was er sah, erschien ihm nicht wie ein Mensch, sondern eher wie eine leichte Plane oder ein Stück Kunststoff, das sich unter der Bahn verfangen hatte und mitgeschleift wurde. Erst im Nachhinein wurde ihm bewusst, dass es sich um eine Person handelte. Jens stand unter Schock. Das Geschehen ließ ihn nicht los. In der Zeit danach kam es zu einem Kontakt mit der VGF, durch den er erfuhr, dass der Mann überlebt hatte – eine Nachricht, die ihn erleichterte. Gleichzeitig erfuhr er aber auch, dass der Betroffene beide Beine verloren hatte. Bis heute begleitet Jens das mulmige Gefühl von damals. Auch beim Erzählen ist es wieder da. Wenn er sich vor Augen führt, was passiert ist und was hätte noch passieren können, ist er froh über seine Entscheidung, nicht über die Kupplung zu steigen. Die wenigen Sekunden Zeitgewinn, die man sich davon verspricht, stehen in keinem Verhältnis zu dem Risiko, das eigene Leben oder eine schwere, lebensverändernde Verletzung zu riskieren.